Schreiben als Reflexion

Sie schreiben – warum? Was wollen Sie erreichen? Es soll in Erfüllung gehen, ohne wenn und aber. Schreiben ist für mich eine Art der Reflexion, eine Möglichkeit, sich mit sich und der Welt auseinander zu setzen, seinen Platz in der göttlichen Ordnung zu finden, Schreiben ist Sinnstiftung, wie bereits Sartre in »Der Ekel« darlegte.

Wenn Sie reflektieren, nachdenken, ist das ganze flüchtig – was bleibt, ist Erkenntnis; und selbst diese ist einem Wandel unterworfen. Verbinden Sie jedoch dieses Reflektieren mit Schreiben, meißeln Sie im übertragenen Sinne etwas in Stein, schaffen etwas Bleibendes, Unverrückbares.

Schreiben nicht anstatt Reflexion, sondern Schreiben als Bestandteil einer Reflexion – noch Jahre später können Sie nachvollziehen, was Sie einst dachten. Es wird Sie oft befremden, was Sie da dachten und niederschrieben; Sie werden sich wundern, was Sie so waren, welche Gedanken Sie rollten.

Die Gedanken sind frei – nicht so die Schrift. Schrift ist nur frei, solange sie nicht von jemand anders gelesen wird, solange sie in Ihrem Kämmerchen verbleibt. Sobald aber ein Anderer Zugriff, gewollt oder ungewollt, hat, ist sie nicht nur Indiz, sondern Beweis. Sie sollten Vorsicht walten lassen, bei dem, was andre lesen dürfen; vor allem, wenn es sich um rein reflexive Texte zu Ihrer Dokumentation geht.

Naturgemäß rate ich zu etwas, was ich nicht in der Lage bin, selbst zu praktizieren: ich gehe sehr offen, offensiv mit meinen Texten um; aus Schaden wird man klug – oder auch nicht. Was ich mir dabei denke, wenn ich so offen schreibe, für alle Welt, was nicht alle Welt lesen sollte? Jeder ist Mensch und jeder durchläuft Ähnliches, jeder hat Dreck am Stecken – nur weil etwas über einen nicht bekannt ist, heißt das nicht, dass einer nicht hätte.

Ich habe eine leicht extrovertierte Neigung – nicht, weil ich wollte, dass alle wissen, sondern weil ich erbrechen muss und ich möchte nicht an Erbrochenem ersticken.