Scheitern
Das Scheitern ist eine existentielle Erfahrung – wie Heidegger darlegte. Scheitern ist für meine Begriffe eine Bedingung für Menschlichkeit – und daher sollte jeder Mensch im Leben hemmungslos scheitern dürfen. Provokant gesagt, ist es nicht die Frage, wie man unser Bildungssystem dadurch erfolgreicher macht, dass immer weniger das Ziel verfehlen, sondern wie wir die Quote des Scheiterns für alle erhöhen können, damit auch die Gutsituierten in den Genuß des Misserfolgs kommen.
Natürlich, das erscheint verschroben, aber der Kern ist wahr. Wie soll ein junger Mensch seine Grenzen erkennen, wenn er sie nicht spürt? In einer guten Erziehung wird das mit Liebe und Nachsicht vermittelt – ohne dass ein grundsätzliches Scheitern erlebt wird. In unserer Gesellschaft ist das Scheitern nicht besonders hoch angesehen, es wird als Versagen tituliert – und Erfolg hochgeschätzt; als aber aus einem Versager der Führer wurde, führte das in die Katastrophe.
Der Zweck oder das Ziel heiligt nicht die Mittel, auch wenn uns die Geschichte oftmals anders belehrt – an sich ist Geschichte auch nur die Aneinanderreihung von narzisstisch gestörten Persönlichkeiten; sehen Sie immer, dass Ihre Mittel mit dem Zwecke im Einklang schwingen: wenn Sie ein Gewaltherrscher werden wollen, wählen Sie von mir aus brutale Mittel – »leben und leben lassen« erreichen Sie hingegen nur mit Sanftmut.
In der Geschichte gab es schon genug Tyrannen – sollten wir uns nicht jeder für sich von diesem dunklen Erbe befreien? Es gilt, auch den Versuch anzuerkennen, nicht nur den Erfolg – Erfolg ist oftmals auch nur eine Geschichte glücklicher Fügungen; und vielleicht fügt sich, nach vielen verheerenden Niederlagen, irgendwann alles zu einem Erfolg zusammen.