Wer versteht mich?

Lange Jahre verstand mich keiner – ich weiß auch, warum. Das, was ich tue, das was ich will, das was ich bin: eigentlich dürfte es sowas Irrationales nicht geben – und dennoch gibt es mich. Mit dem Leben ists genauso: warum ist etwas, warum ist nicht  vielmehr nichts? Lassen wir Hesse sprechen:

Der Dichter

Nachts kann ich oft nicht schlafen,
Das Leben tut weh,
Da spiel ich dichtend mit den Worten
Den schlimmen und den braven,
Den fetten und den verdorrten,
Schwimme hinaus in ihre still spiegelnde See.
Ferne Inseln mit Palmen erheben sich blau,
Am Strande weht duftender Wind,
Am Strande spielt mit farbigen Muscheln ein Kind,
Badet im grünen Kristall eine schneeweiße Frau.
Wie übers Meer die wehenden Farbenschauer
Über meine Seele die Versträume wehn,
Triefen vor Wollust, starren in Todestrauer,
Tanzen, rennen, bleiben verloren stehn,
Kleiden sich in der Worte viel zu bescheidnes Kleid,
Wechseln unendlich im Klang, Gestalt und Gesicht,
Scheinen uralt und sind doch voll Vergänglichkeit.
Die meisten verstehen das nicht,
Halten die Träume für Wahnsinn und mich für verloren,
Sehn mich an, Kaufleute, Redakteure und Professoren –
Andre aber, Kinder und manche Frauen,
Wissen alles und lieben mich wie ich sie,
Weil auch sie das Chaos der Bilderwelt schauen,
Weil auch ihnen die Göttin den Schleier lieh.

Aus: »Der Steppenwolf«