Hesse again
Besoffener Dichter
Ich wollt, ich wär ein Katholik,
Dann wäre der Heiland für mich gestorben;
Mein Leben ist ganz verdorben,
Ich spür´s an den Augen und im Genick.
Der Tod sitzt mir im Herzen
Wie ein Gespenst im verfallenden Haus,
Langsam löscht er die Lichter aus,
Eins ums andre, alle die zuckenden Kerzen:
Kerze der Liebe, Lichtlein der Kindheit,
Flamme der Dichtung, der holden Fee,
Fackel der Wollust und seligen Blindheit –
O daß ich euch alle zucken und löschen seh!
Bald, wenn ich wieder betrunken bin,
Kommt ein Automobil gerannt,
Sitzt irgendein reicher Bäckermeister drin,
Der karrt mich zu Tode mit sicherer Hand.
Hoffentlich bricht auch er dabei das Genick,
Dieser glückliche Katholik,
Besitzer von Haus, Fabrik und Garten,
Auf den zwei Kinder und eine Gattin warten
Und der noch mehr Geld verdient hätte und Kinder gezeugt,
Wenn nicht ein besoffener Dichter
Ihm gelaufen wäre zwischen die Auto-Lichter.
Vor dem Tode selbst ein Bäcker sich beugt.
Aber für ihn wurde der Heiland ans Kreuz geschlagen
Unsereiner dagegen hat nichts zu sagen.
Zuletzt aktualisiert: 15.05.10