Begierden

»Wenn du nach der Natur lebst, wirst du nie arm sein, wenn nach dem Wahne, nie reich«, sagt Epikur. Wenig verlangt die Natur, der Wahn Ungemessenes. Man häufe auf dich, was viele Begüterte zusammen besaßen; das Glück erhebe dich über das Maß des Vermögens eines Privatmannes, es bedecke dich mit Gold und bekleide dich mit Purpur, es führe dich zu einer solchen Fülle von Herrlichkeiten und Schätzen, daß du die Erde bedeckst mit deinen Marmorgebäuden, es sei dir vergönnt, nicht bloß Reichtümer zu besitzen, sondern darauf zu treten; es mögen dazu noch Bildsäulen und Gemälde kommen und was sonst noch die Kunst für die Üppigkeit mühevoll bereitet hat,- du wirst von diesem allen nur lernen, noch Größeres zu begehren. Natürliche Bedürfnisse sind begrenzt; was aus dem Irrwahn entspringt, hat kein Ziel, wo es ende; denn das Falsche hat keine Grenze. Dem auf der Straße Wandernden ist irgendein Ziel gesteckt; das Herumirren ist endlos. Daher ziehe dich zurück vom Eiteln, und wenn du wissen willst, ob das, was du begehrst, auf einer natürlichen oder blinden Begierde beruht, so betrachte, ob es irgendwo zum Stillstand kommen kann. Wenn dir, nachdem du schon weit fortgeschritten bist, noch immer ein Weiteres übrigbleibt, so wisse, daß es nichts Natürliches ist.

Seneca, vom Glückseligen Leben

Ich begehre Sie – und sonst nichts!